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Interview mit Silverraven

Wir haben die Autorin zahlreicher Artikel über Magie, Schamanismus und heidnische oder naturreligiöse Themen - die meisten befinden sich auf den Seiten www.silverraven.de und www.freistilmagie.net - um ein Interview gebeten.

Seit wann veröffentlichst Du Deine Texte über Magie und Schamanismus?

Ich schreibe in Foren seit 2000 mit, aber das zähle ich nicht als Veröffentlichungen im eigentlichen Sinne. Meine erste Homepage zum Thema ging Anfang August 2001 online, die zweite im Juli 2003. Wobei die erste mehr allgemein, die zweite sehr persönlich gehalten ist.

Warum ist es Dir wichtig, über diese Themen zu schreiben?

Ich denke, da besteht durchaus Aufklärungsbedarf. Es gibt jede Menge Vorurteile gegenüber Leuten, die magisch und/oder schamanisch arbeiten.
Die kommen aus unterschiedlichen Ecken und sind sehr unterschiedlich formuliert. Die einen meinen, dass alle, die sich mit solchen Themen beschäftigen, "gestört" oder "verrückt" sind. Andere wiederum stellen einen in die satanische Ecke. Auf der anderen Seite gibt es eine Menge Seiten, die eher peinlich sind, z.B. die der sogenannten "Teenie-Hexen", die von Serien wie Charmed oder Buffy beeinflußt sind. Oder auch die, die alle platten Klischees bestätigen, indem sie nicht durchdachte bzw. selbst erfahrene Inhalte publizieren.
Nicht zuletzt besteht auch ein Bedarf an vielfältigen Informationen von Seiten derer, die sich für Magie interessieren, weil sie sie praktizieren möchten. Wenn sie auf dogmatische oder auf Seiten mit unkorrekten Inhalten stoßen, ist die Verwirrung oft groß. Dem möchte ich Qualität entgegensetzen.

Du schreibst über viele völlig unterschiedliche Themen, von nordischen Runen bis zum Core-Schamanismus. Was ist Dein eigener Background?

Meine Eltern waren stille Teilhaber der protestantischen Landeskirche, die ihr Haus allerdings religionsfrei hielten und auch überhaupt nicht in die Kirche gingen. Ich bin daher, was Religionen angeht, sehr indifferent aufgewachsen und eher im Geist des Humanismus erzogen. Durch mein Judaistikstudium habe ich meinen intellektuellen, aber nicht den spirituellen Background erweitert. Magisch gesehen zerfällt das bei mir quasi in zwei Teile: ich habe Techniken praktiziert, die durchaus als magisch anzusehen sind, z.B. Visualisierungen, Trancereisen oder auch versucht, meine Wünsche durch symbolische Handlungen zu manifestieren.
Literatur gab es kaum, und was es gab, war mir nicht bekannt (und hätte mich auch nur teilweise interessiert). Durch meine ersten Streifzüge im Internet stellte ich dann fest, dass Magie, wie sie dort beschrieben wurde, mir alles andere als unbekannt war. Ich begann meine Praxis zu systematisieren und auf eine solide Basis zu stellen. So habe ich mit Naturmagie angefangen, wobei Wicca nie mein Thema war. Ich habe mich mit unterschiedlichen magischen Themen beschäftigt und einiges verinnerlicht. Ich versuche, da einen Mittelweg zu gehen. Ich bin vielfältig interessiert, widme mich auch vielen Themen, aber in die Tiefe gehe ich nur bei wenigen, da ich den "magischen Selbstbedienungsladen" ablehne, ebenso wie die blinde Kopie von Riten fremder Kulturen. Das ist oft ein schmaler Grat, denn viele native Völker wehren sich ja inzwischen auch gegen die Ausbeutung ihres spirituellen Erbes durch Unwissende - und das meines Erachtens zurecht.
Mein Maßstab ist, dass ich das Gelernte in mein tägliches Leben integrieren kann, dass es für mich als moderne Mitteleuropäerin sinnvoll erlebbar und kein exotisches Beiwerk ist. Ich lebe weder im Urwald noch im Mittelalter und möchte so auch nicht prakizieren. Natürlich kommt auch das sinnliche Erleben dazu, das für mich bei der Magie sehr wichtig ist. Daher vertrete ich die Meinung, dass Magie immer individuell entwickelt werden muss. Sie passt sich den eigenen Vorlieben und dem Entwicklungsstand an und ist somit einer ständigen Veränderung unterworfen. Sie ist quasi ein Spiegel der eigenen Persönlichkeit.

Womit beschäftigst Du Dich neben all diesen spirituellen und esoterischen
Themen?


Ich bin vielfältig interessiert. Ich habe ein völlig unmagisches Internet-Projekt mit Fotos aus Hamburg hochgezogen, da ich seit neuestem stolze Besitzerin einer digitalen Kamera bin und so mein langjähriges aber eher sporadisches Hobby Fotografie kostengünstig kultiveren kann.
Lesen ist ein weiteres, lebenslanges Thema für mich, wobei ich mich auf Fachbücher zu verschiedenen Themen, Kriminalromane, englische und modernhebräische Literatur spezialisiert habe (letztere, wenn ich mal an sie herankomme). Außerdem koche ich sehr gerne. Ich interessiere mich als Judaistin und Kunsthistorikerin auch sehr für Kunst, auch wenn es schwer ist, da auf dem Laufenden zu bleiben, weil ich in dem Bereich nicht mehr arbeite. Zu guter Letzt ist Homepagedesign eine sehr wichtige Beschäftigung für mich, da mich das Medium Internet fasziniert und ich sehr gerne kreativ-gestalterisch tätig bin. Sportlich bin ich eher weniger, jedoch wandere ich sehr gerne und ausdauernd.

Du erklärst in Deinen Texten, daß Magie und "das tägliche Leben" nicht zu
trennen ist. Wie äußert sich das bei Dir?


Das ist eigentlich für "Außenstehende" nicht so ohne weiteres sichtbar. Ich habe zunächst ein anderes Weltbild, das zyklisch "organisiert" ist.
Ich sehe die Natur (vom Menschen bis zum Stein) als belebt an und respektiere sie entsprechend. Auch magische Handlungen im Alltagsleben kommen durchaus vor, aber eher versteckt, im Vorbeigehen. Das kann ein kleines Opfer an einem Baum oder Stein sein, oder auch ein sichtbares Zeichen für einen Wunsch, ein Ritual oder eine Bitte. Meine Rituale sind ohnehin eher schlicht und entstehen meist spontan, ohne große Vorbereitung. Sehr wichtig ist auch mein "Hausaltar", an dem ich auch meditiere und der somit Bestandteil meiner alltäglichen Praxis ist. Ich halte die Trennung in einen profanen und einen "religiösen" Teil des Lebens für nicht durchführbar, wenn man ernsthaft an Spiritualität interessiert ist. Energie und die Verbundenheit damit ist überall und ein magisches Weltbild hilft sehr, auch Zusammenhänge im täglichen Leben zu verstehen und gestaltend auf seine Zukunft einzuwirken. Daher kann ich meine Magie auch nicht unspirituell sehen oder praktizieren.

Von wem wirst Du alles auf Deine Texte angesprochen?

Von ganz unterschiedlichen Leuten. Zunächst von denen, die eine Lehrerin suchen, womit ich allerdings nicht dienen möchte. Dann die unvermeidlichen Anfragen nach "magischen Diensten" (Partnerrückführung etc.), was ich ebenfalls abschlägig beantworte. Viele kommen auch mit ihren magischen Praktiken nicht weiter und suchen Hilfestellungen. Das können konkrete praktische Fragen sein oder auch die Bitte um ein paar Buchtipps. Letztere entstammen fast allen Altersgruppen. Und es gibt noch die, die nichts mit Magie zu tun haben, aber aus unterschiedlichen Gründen am Thema Interesse haben, sei es privat oder auch professionell.
Letzteren stehe ich teilweise kritisch gegenüber, da das in den Medien vermittelte Bild oft sehr einseitig und verzerrt ist. Ich bilde mir nicht ein, durch ein Interview o. ä. etwas daran ändern zu können, da die meisten Journalisten weniger an einer diffenzierten Darstellung interessiert sind, sondern eher daran, die Vorurteile ihres Publikums zu bestätigen. Aus diesem Grund habe ich die wenigen Anfragen, die mich diesbezüglich erreichten, abschlägig beschieden und nur an ein paar Umfragen teilgenommen. die sich im weiteren Sinne mit der Thematik befaßten.

Du hälst Dich in Deinen Veröffentlichungen mit Persönlichem zurück.
Warum?


Ich bin der Meinung, dass es nicht wirklich wichtig ist, meinen bürgerlichen Namen, meinen Wohnort oder meine Hobbies zu kennen. Jemand, der über Aquarien oder Sport im Internet schreibt, wird auch nicht immer viel Persönliches erzählen. Das Thema meiner Homepages ist Magie, darüber informiere ich. Das halte ich übrigens bei meinem Fotoprojekt nicht anders. Hinzu kommt das Problem, das die Gesellschaft immer noch mit solchen Themen hat. Ich möchte meinen Lebensunterhalt nicht mit Magie bestreiten und lege daher wenig Wert darauf, mich entsprechend zu outen.
Obwohl ich auf einen kirchlichen Träger bei meiner Arbeit nicht angewiesen wäre, kann es durchaus schädigend sein, wenn im Büro jede/r weiss, dass ich zwei private, nichtkommerzielle Magieseiten habe und die Domain einer magisch-spirituelle Internetcommunity auf meinen Namen registriert ist.
Ich muss nicht als "Spinnerin" abgestempelt werden, mich der geballten Neugierde nicht aussetzen (die Anfragen nach kostenlosen Tarotlegungen genügen mir vollkommen) und denke aber auch, dass meine Person viele Facetten hat und ich genügend andere Interessen habe, mit denen ich mich auch mit Menschen austauschen kann, die magisch nicht interessiert sind bzw. dem Thema ablehnend gegenüber stehen. Ich denke, das sehen nicht nur naturreligiöse oder magisch tätige Menschen so. Ich finde es ebenso eigenartig, wenn z. B. gläubige Christen ihren Glauben dauernd vor sich hertragen müssen. Anders sieht das in meinem Freundeskreis aus: da ist allgemein bekannt, dass ich mich mit Magie beschäftige, auch bei denen, die dieses Interesse nicht teilen.

Gab es deswegen auch schon Probleme oder Verwechslungen?

Die meisten sind eher lustig. Meine alte Homepage hat einen Namen, der oft mit Silver Ravenwolf assoziiert wird (obwohl die die Dame namentlich gar nicht kannte, als die Seite online ging), so dass schon mal Anfragen kommten, ob ich die betreffende Autorin sei. Es gibt aber auch ernstere Fälle, so bin ich in der Publikation eines Lehrmittel-Verlages in einer Liste mit "rechten Gruppierungen" in der Abteilung "Rechtextremismus" gelandet, obwohl meine Seiten nicht nur keine Inhalte dieser Art verbreiten, sondern ich mich auch an mehreren Stellen ausdrücklich von derartigen Tendenzen distanziere. Das hat mich sehr getroffen, da das Anliegen von Verleger und Autorin eigentlich auch das meinige als Antirassistin und Antifaschistin ist und ich mich über die undifferenzierte Art der Aufarbeitung sehr gewundert habe. Obwohl ich relativ viele Informationen über Runen und verwandte Themen auf meinen Seiten veröffentlicht habe, ist mir dies bisher nie vorgeworfen worden.
Es war ein Schock, zu erkennen, dass nicht nur die von mir so gehaßten "Rechten" (im Sinne von Faschisten und Rassisten), die derartige Inhalte auch auf ihren Seiten darbieten, als solche (zu Recht) benannt werden, sondern auch völlig unpolitische Menschen sowie Leute wie ich, die sich explizit zu Toleranz, Menschenrechten, multikultureller Gesellschaft etc. bekennen und sich öffentlich von jeglichen rassistischen, antisemitischen und faschistischen Tendenzen distanzieren. Dies war für mich nicht nur eine Frage der inneren Überzeugung ,sondern auch quasi der "Ehre", so dass es für mich eigentlich einem Rufmord gleichkommt, neben der NPD-Sachsen genannt zu werden. Das mag an meinen persönlichen Empfindlichkeiten liegen, aber die sind ja individuell verschieden. Ganz abgesehen von dem tatsächlichen Schaden, den meine Reputation durch diese Nennung nehmen kann, denn immerhin bin ich Judaistin.


Wie reagierst Du auf das Problem, plötzlich in einem Kontext genannt zu werden, in den Du überhaupt nicht gehörst?

Ich habe mich dafür entschieden, die entsprechende Seite stehen zu lassen und einen Text vorzuschalten, der auf die ungerechtfertigten Vorwürfe eingeht und dazu klar Stellung bezieht. Eine Rücknahme der Seite käme einem Schuldeingeständnis gleich, das ich nicht abzugeben habe, da die Vorwürfe jeder Grundlage entbehren. Die Situation wird noch dadurch verschärft, dass die Domain nicht auf meinen Namen registriert ist, also auch deren Inhaber betroffen ist.
Nachdem ich von dem Dokument, in dem auch meine Seite genannt ist, Kenntnis erhielt, haben der Inhaber der Domain und ich per Telefon das Gespräch mit dem Verleger gesucht. Nachdem dieser sich sehr uneinsichtig zeigte, mich kaum ausreden lies sowie noch beleidigend wurde, haben wir eine Anwältin konsultiert, die den Verleger und die Autorin anschreiben wird um zunächst eine Gegendarstellung sowie die Entfernung des Links zu verlangen. Die weiteren Schritte werden von der Reaktion abhängen, die wir erhalten.
Es ist nicht mein Bedürfnis, zu versuchen, ein Exempel zu statuieren oder Publicity zu suchen, die allen Seiten letztendlich nur schaden wird. Das Buch, auf dem dieses Dokument beruht, beschäftigt sich mit der politischen Instrumentalisierung des Weihnachtsfestes. Das ist ein durchaus ehrenwertes und interessantes Thema, vor allem, da die Politisierung an sich unpolitischer Bereiche zum Zweck der Ideologisierung durchaus aktuell ist. Eigentlich sind die Anliegen von Autorin und Verleger die meinigen, allerdings schadet die undifferenzierte und teilweise auch flache Darstellung diesem wichtigen Thema generell, nicht nur den in diesem Dokument zu Unrecht "rechtsradikaler" Umtriebe bezichtigten Autoren.

Womit beschäftigst Du Dich als nächstes? Was sind Deine Pläne?

Was das Magische angeht, möchte ich meine Praxis und mein Verständnis des Schamanismus vertiefen. Das ist ein gewaltiger Bereich, der viel Aufmerksamkeit erfordern wird.
Ansonsten werde ich das tun, was ich immer gerne tue: Fotografieren, lesen, tanzen, kochen, an meinen Homepages basteln ...