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Die Keltenausstellung in Frankfurt/M.: Schick und blutleer
Eine Rezension 

Wir waren dort. Seit Monaten wird sie mit großem Aufwand in Presse, Hörfunk und Fernsehen gefeatured: Die Ausstellung "Das Rätsel der Kelten vom Glauberg", vom 24. Mai bis 1. September diesen Jahres in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen. Ein Muss für jeden, der sich für diesen Kulturkreis interessiert heißt es, und je mehr die Wochen verstrichen und bereits das Ausstellungsende nahte, desto unruhiger wurde ich, schnell noch dieses Event am Frankfurter Archäologenhimmel zu besuchen. Aber geschafft. Vorige Woche: Wir waren dort.

Und wir sind enttäuscht. Die Ausstellung behandelt ausführlich Hessens wichtigsten archäologischen Fund der letzen 20 Jahre, die reichhaltig mit Grabbeigaben versehene Grabstätten des "keltischen Fürsten vom Glauberg" und die zweier anderer Persönlichkeiten. Als bekanntestes Fundstück kennen viele die nun bereits berühmte lebensgroße Statue eines mutmaßlichen keltischen Herrschers (richtig, das ist jene mit den überdimensionalen Elefantenohren). Die Grabanlage selbst erstreckt sich inklusive Hügel, Gräben und einer "Prozessionsstrasse" über mehrere Hundert Meter und wird als Deutschlands größte vorchristliche Nekropolis gehandelt. All das möchte die Ausstellung vorstellen und tut dies auch ohne Zweifel im modernen Look und atmosphärischem Styling:

Man betritt den Ausstellungsbereich und wird von einem modernen und ansprechenden Design empfangen: Ein dunkler Raum öffnet sich, dunkelblau die Wände und Fußböden, gedämpftes Licht. Rechts sieht man eine Nachbildung der Skulptur vom "Sterbenden Gallier" in Lebensgröße. An den Wänden finden sich in großer Schrift eine Vielzahl an unkommentierten und sehr inspirierenden Zitaten antiker Autoren über die Kelten. Tacitus, Caesar, Strabo etc. kommen zu Wort und werfen so mit ihren kurzen Beschreibungen ein Schlaglicht auf den Ruf, den dieses Volk in der Antike bei den Mittelmeergesellschaften genoss. Fängt gut an, denkt man sich und freut sich auf den Kinoraum, in dem verschiedene Kurzfilme über die keltische Kultur gezeigt werden sollen 
Zwei Filme gibt's und beide sind enttäuschend. Der erste Film informiert über die keltische Siedlung am Monte Bilbele in Italien, der zweite über die Ausgrabungsarbeiten am Glauberg. Leidlich professionell inszeniert ist der Informationsgehalt der beiden Kurzfilme dennoch eher dürftig. Die Faszination des Themas "keltische Kultur" können sie nicht vermitteln - trotz zahlreicher Vorbilder, wie z.B. die jüngste Keltenreihe die bei Phoenix zu sehen war.

Einen starken Schwerpunkt legt die Ausstellung auf die Forschungsgeschichte der Glauberg-Ausgrabungen. Von den zehn Ausstellungsräumen sind gleich drei Räume der archäologischen Praxis gewidmet: Eine eigens hergerichtete archäologische Werkstatt zeigt anschaulich die Grabungspraxis von Archäologen - auch die beim Glauberg-Grab angewandte Methode, ein Grab komplett aus der Erde zu schneiden und dann im Labor anstatt an der freien Luft die Funde freizulegen, wird vorgestellt. Anhand der Erforschung des Glaubergs illustrieren zusätzlich ein halbes Dutzend Fernseher in separaten Videos verschiedene Aspekte der archäologischen Arbeit. Ein weiterer Raum ist den Röntgenbilder gewidmet, die vor der Freilegung von den Fundstücken gemacht wurden. Der dritte beschäftigt sich mit der Geschichte der Erforschung des Glaubergs seit dem 19. Jahrhundert. 

Um die Grabfunde am Glauberg einzuordnen, präsentiert die Ausstellung eine Vielzahl an Objekten , die an anderen Grabanlagen gefunden wurden. Alle Bevölkerungsschichten werden dabei erfasst: Einfache Grabbeigaben bei den eher ärmlichen Bestattungen wie auch aufwendige, kostbare Kleinode, die den begüterten oder hohen Stand des Verstorbenen belegen. Um die ökonomische Basis vom "Fürstensitz" Glauberg zu veranschaulichen sind Funde aus der ausgegrabenen keltischen Salzgewinnungsanlage in Bad Nauheim ausgestellt. Ein Raum ist den Funden des Fürstengrabes gewidmet, ein weiterer Raum beherbergt zur Illustration die gesamten Funde aller anderen entdeckten Fürstengräber aus ganz Europa, und dem sogenannten Mann " Nummer Zwei vom Glauberg" (so genannt, weil dieser Tote anscheinend ebenfalls hochgestellt, aber weniger kostbare Gaben erhielt) ist ebenfalls ein Bereich gewidmet. Ein großer Saal beherbergt an die 40 keltische Großplastiken aus dem keltischen Kulturraum, um so die Elefantenohrstatue vom Glauberg mit anderen Statuen vergleichen zu können. Wir halten positiv fest: Was das Zusammentragen der Objekte betrifft ist diese Sammlung sicher eine beachtliche Fleißarbeit.

Viele Videoinstallationen, die Schmuckstücke und Vasen in Detailaufnahmen zeigen, Lichteffekte, Glas und Technik. Röntgenbilder, Kino und eine lebensgroße Projektorsimulation, die die Ausstattung des Fürstengrabes in Zeichentrick darstellt - Und dennoch bleibt die Ausstellung blutleer. Sie schafft es nicht keltisches Leben und Sterben zu veranschaulichen. Sicher, es ist mutig und aufrichtig, offene Fragen als Fragen zu benennen, aber was hilft eine aufwendige, meterbreite Lichttafel mit dem Titel "Religion der Kelten", wenn dort im Grunde nur zu Lesen ist, dass wenig darüber bekannt ist? Sehr oft bleibt die Ausstellung beim emphatischen Fragestellen hängen. Wer aufgrund der vielen spannungsgeladenen Fragen in dem Werbematerial zur Ausstellung erwartet ("Wie lebten die Kelten? Welchen Glauben hatten sie?" etc.) , wenigstens nur ansatzweise ein Antwort zu erhalten wird frustriert sein: Sie werden einfach nur wiederholt, mit viel Licht und bunten, elegant gestylten Tafeln.
Die Ausstellung will durch ihre Funde sprechen und schafft es nicht. Denn sie weckt in ihrer medialen Verwertung den Anspruch, zumindest auf einige Fragen, die den Neugierigen so zum Keltentum befallen, eine Auskunft zu geben. Doch die schicke Präsentation der Schmuckstücke wirkt merkwürdig unverbunden nebeneinander.

Lediglich an zwei Stellen wird versucht, dem ganzen etwas Leben zu verleihen. Der erste Versuch, eine "Vision des Heiligtums vom Glauberg", schrammt knapp am Kitsch vorbei: In einem kühlen, fast stockdunklen Raum wird auf einer künstlichen Rampe ein Hügel simuliert auf dem die vier Fürstenstatuen vom Glauberg im roten Mondlicht ihre Ausstrahlungskraft demonstrieren. "So könnte es ausgesehen haben..." Der andere Versuch gehört in die "Asterix & Obelix" - Abteilung: Auf einem digital hergestellten Foto ist die Beerdigung des Fürsten nachgestellt. Eine Szenerie, die in ihrer Klischeehaftigkeit direkt dem Film "Vercingetorix (Druids)" entsprungen sein könnte. Fehlt nur noch, das Christopher Lambert Autogramme verteilt. Da ist man schon fast wieder froh, dass es doch so blutleer daherging...
(Steffi)