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Magie im Alltag - Teil 1
"Sie sehen mit ganz besonderen Augen..."
– Samael zu Frank Black in Millenium
Hallo, alle. Und wieder ein kleiner Mehrteiler zum Thema Magie, den ich mit tatkräftiger Unterstützung von Karsten, Hermann, Sven und Martini zu Papier bringe, um dem Thema Magie den
wohlverdienten Raum in unserer inzwischen heißbegehrten Vereinszeitung zu verschaffen.
Nachdem wir uns die letzten 4 Artikel lang mit unserem persönlichen Zugang zur Magie beschäftigten, werden wir uns nun um unsere Umgebung kümmern. Die erste Frage, die es daher zu beantworten gilt lautet: Wie finde ich da draußen irgendetwas magisches?
Die Suche nach dem Gral
Nun geht’s uns ein wenig wie dem guten Herrn Artus, der ja bekanntlich auch schon den Wald vor Bäumen nicht sah und darum jede Menge Ritter verheizte, die ihm die verlorengeglaubte Magie in Form des Grals wiederbringen sollte. Mit anderen Worten: Klar, Magische Orte und mit magischen Kräften versehene Gegenstände sind inzwischen ein wenig rar geworden, wenn man versucht, die klassischen Ansätze
durchzuspielen.
Es gibt nicht mehr so viele Steinkreise an der Ecke, in denen man man mal eben sein Ritual für die nächste Gehaltserhöhung feiern kann oder den vor 500 Jahren völlig geläufigen magischen Ring, der einen problemlos mit dem auf dem Edinburgher Flohmarkt gekauften Langschwert durch den Zoll bringt, weil die Beamten durch einen hindurchsehen. Aber jeder, der nun denkt: "Tja, die Magie hat diese Welt verlassen" oder "Ohne diese Dinge gibt es halt kaum mehr Möglichkeiten, Magie zu bewirken" hat seine Hausaufgaben in Physik nicht gemacht, denn dort haben wir den Energieerhaltungssatz gelernt. Und eigentlich sollte diese Lektion noch so leicht gewesen sein, dass wenigstens den jeder kapiert haben sollte (selbst
ich). Jedenfalls war der Kern der Aussage, dass Energie nie, nie,
nie[1] verloren geht und das gilt natürlich auch für Magie.
Wer sich mit dem Anfängerkurs beschäftigt hat, hatte Gelegenheit, sich in den Energiestrom, der auch
magische Gegenstände, Orte, Sprüche, Symbole usw. versorgt, einzuklinken und für sich zu nutzen. Die altbekannten magischen Artefakte aber, meist Ringe, Kelche, Messer oder Schwerter, die mit diesen Energien "geladen" waren oder besser, die diese Energien wandelten, die alten magischen Sprüche und Gesänge, die Symbole, die heiligen Orte, all das scheint jedoch so unerreichbar zu sein, so dass wir Gefahr laufen, wie König
Artus völlig entwurzelt und abgeschnitten von der lebensnotwendigen Verbindung zur Natur, zum Göttlichen, zur Lebensenergie langsam in Depressionen und Einsamkeit zu vergehen. Nun, Artus wurde von einem Kelch mit Wasser erlöst, das "öde Land" blühte fast schlagartig wieder auf. Nachdem er einen klitzekleinen Anschubser erhalten hatte, schien die Verbindung wieder zu funktionieren und er sah wieder überall Leben und Energie. Was aber, wenn das "öde Land" nur in seinem Kopf existierte, die Energie nie fort war, sondern einfach nur inzwischen woanders? Und könnte es nicht heute auch so sein? Dass die Magie
gar nicht aus der Welt verschwunden ist, sondern sich an den Energieerhaltungssatz gehalten hat und sich einfach nur woanders neue Kanäle, Plätze, Symbole und Lieder gesucht und gefunden hat? Sind wir vielleicht alle Leuten wie Crowley, Steiner oder Hubbard auf den Leim gegangen, die frech alle magisch "funktionierenden" Teile aus Mythologien, Religionen, Psychologien und Philosophien herausgenommen, ihr Trademark draufgestempelt haben und nun sagen, dass nur noch das Magie ist und man wahlweise Geld, Geist oder Seele, auf jeden Fall aber immer seine Freiheit beim jeweiligen großen Schlumpf abgeben müsse, um daran teilzuhaben? Jeder Taschenspieler arbeitet nach demselben Prinzip: Täusche mit der einen Hand und verstecke die eigentliche Spielkarte mit der anderen.
The truth is out there
Nun, wo sind denn dann also die magischen Orte, die die Steinkreise ersetzen sollen, in denen die ganze freigewordene Energie sich aufzuhalten geruht? Welche Symbole werden von den Menschen mit Energien wie Hoffnung, Stärke, Macht in Verbindung gebracht? Welche Avatare werden denn im Moment idealisiert und "vergöttert"? Welche Lieder können denn heute schier hypnotisch gute Laune, Trauer, Stärke oder Wut erzeugen? Und wie werden heutzutage Energien übertragen? Das sind die Fragen, die man sich stellen muss, will man Magie im Hier und Jetzt tatsächlich finden und nutzen. Und ist es denn so schwer, sich den ersten Anschubser vielleicht sogar selbst zu geben, anstatt ihn von Parzival ans Bett gebracht zu bekommen?
Aber nein! Und besser noch: Im Gegensatz zu den finsteren Zeiten des
Mittelalters haben wir um Längen bessere Vorraussetzungen dafür. Wir können lesen und schreiben, wir müssen die Musik nicht selbst machen (wenn’s auch viel mehr bringt), wir verbringen nicht mehr 95% unserer 50% kürzeren Lebenszeit mit der Frage
"Wo kriege ich was zu essen her für mich und meine acht Kinder?", wir haben eine viel größere Auswahl an Medien (nicht anderes sind diese Ringe, Talismane und Artefakte, von denen ich es vorhin hatte), die Avatare können ganz nach persönlicher Vorliebe gewählt werden und sind nicht mehr von der jeweils vorherrschenden Religion diktiert und wir haben insgesamt eine persönliche Freiheit, die es uns inzwischen erlaubt, jedwede magische Handlung durchzuführen, ohne sofort auf dem nächsten Marktplatz verbrannt zu
werden[2].
Also, Leute, gebraucht eure Sinne und Fähigkeiten und auf der Suche nach den modernen Mythen und neuen tragischen Heldensagen, den heutigen Epen, die Menschen verbinden und eine seltsame Kraft ausströmen, die sogar größer wird, je öfter man diese Sagas hört, liest oder sieht, wird der eine plötzlich "Titanic" finden statt "Rheingold", die andere "Star Trek" statt
Homers "Odyssee", da übernimmt plötzlich Luke Skywalker die Rolle
Siegfrieds als idealistischer Bauernsohn, der auszieht, die Welt zu retten, das stärkste Energiefeedback für eine Kriegerin bekommt man nicht mehr von
Jeanne d'Arc sondern von Xena.
Man kann beim Aufbau eines klassischen Schutzkreises inzwischen die vier Engel getrost mit den Beatles, den "fantastischen Vier" oder schlicht "Amsel, Drossel, Fink und Meise" ersetzen, da diese Entitäten je nach gewünschtem Effekt von genügend Menschen "belebt", sprich mit Energie versorgt werden. Auch die heiligen Orte in jeder Richtung können völlig nach Geschmack ausgewählt werden. Ein Beispiel: Im Osten Klingon, im Westen Terra, im Süden Romulus und im Norden Vulcan – Star Trek goes
magic.
Und ganz plötzlich wird es Frühling im "öden Land". Aus allen Ecken sprießen mehr oder weniger sinnvolle Informationen, bieten sich leichtgängige oder schwerfällige, in jedem Fall aber funktionierende magische Kanäle zur Nutzung an und öffnen sich neue Wege, Aufzüge, Rolltreppen, Trampelpfade und natürlich auch Labyrinthe und Fallen. Das beste dabei aber ist, dass mit den einfachsten Mitteln arbeiten kann, nämlich mit denen, die man tagtäglich sowieso benutzen muss. Man muss nicht seinen Verstand umschalten von "Normal" auf "Magisch", der Umgang mit Magie ist so sehr Teil des täglichen Lebens wie der Umgang mit dem Fahrrad. Da schalte ich ja auch nicht von "Fußgänger" auf "Radfahrer" um, oder sagen wir mal besser, wäre es sehr blöde,
das zu tun[3]. Was aber grundsätzlich gilt, was sich seit dem Beginn jeder magischen Arbeit nicht geändert hat ist, dass man in der Magie sehr genau wissen muss, was man gerade tut. Nicht nur, dass man mit sich selbst im Klaren sein muss (siehe auch
"Einführung in die Magie"), mehr denn je ist einer der wichtigsten Grundsätze für die Vermeidung unliebsamer Überraschungen und böser Fallen: "Wissen ist Macht". Eine längere und einigermaßen intensive Beschäftigung mit der Geschichte der
Magie sollte jede und jeder hinter sich haben, bevor das erste Mal wirklich "ernst" eine aktive magische Handlung vollzogen wird. Auch die Fähigkeit, ein Ritual, ein Symbol, ein Lied historisch und ideologisch richtig einzuordnen, um nicht plötzlich Ausführungsgehilfe unliebsamer Mächte zu
werden[4] oder die psychologischen Grundkenntnisse, die eine wichtige Vorraussetzung sind, um eine korrekte Analyse von Effekten und Problemen zu machen und sich nicht von z.B. dieser typischen Gruppenhysterie beim "Geisterbeschwören" per Ouija-Bord anstecken zu lassen.
Nur wo anfangen?
Nun, der Vorteil der freien Auswahl und der Vielfalt der Geschmäcker macht es mir an dieser Stelle ein wenig schwer, eine gewisse Beispiel-Vorauswahl zu treffen, aber ich wurde nun doch schon so oft gebeten, mal so eine Art "Empfehlungsliste" zu veröffentlichen, dass ich’s tue, aber mit dem Hinweis, dass die Liste sicher nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Ich habe versucht, eine möglichst breite Themenvielfalt zu erreichen, was ich jedem für seine persönliche magische "Schulung" empfehle. Man muss nicht "I Ging" praktizieren, aber muss wissen, dass es sich dabei nicht um die fränkische Form von "Ich bin gegangen" handelt. Man muss auch nicht böse Dinge mit Hühnern tun und Gräber schänden, aber es ist wichtig, zu wissen, wo die eigenen Schmerz- und Geschmacksgrenzen sind und daher
wenigstens mal drüber gelesen haben. Die Musikauswahl ist relativ offensichtlich überwiegend Filmmusik. Dabei ist es nicht wichtig, den Film gesehen zu haben. Ich empfehle gerne Filmmusik weil sie einfach ein sehr unverwässertes Transportmedium für Energien ist: Sie ist nur für den Zweck geschrieben worden, eine ganz bestimmte Stimmung zu erzeugen und einem Bild (durchaus magisch) eine klare Wirkung zu geben. Um bei mir eine mystische Stimmung zu erzeugen suche ich mir daher einfach eine Musik aus, die diese Aufgabe in einem Film übernimmt.
Ansonsten trage ich natürlich dem Ansatz naturreligiöser Kulturen Rechnung, die klar erkannt haben, dass man sehr viel besser lernen kann, wenn man das zu Erlernende in eine spannende Geschichte verpackt und in Bilder, die die Information viel schneller ins Unterbewusste einbringen können, was dazu führt, dass man sie nicht nur mit dem Bewusstsein aufnimmt, sondern auch ein Gefühl und ein Gespür dafür entwickelt.
Also, hier nun die Empfehlungen für eine magische "Einsteigerliste":
Filme:
- John Boorman’s "Excalibur"
eine Fülle von Parabeln und grandiose Bildsymbolik. Nicht als Ritterfilm oder gar aus historischen Gründen
interessant.
- "Highlander"
einzig wegen der Fähigkeit des Conner McLoud, sich den aktuellen Gegebenheiten anzupassen, ohne seine Ideale zu verlieren.
- "Der König der Fischer"
Stellt die subjektive Erfahrung von Magie heraus.
- "Millenium" – Fernsehserie.
Zeigt sehr schockierend, wie moderne Mystik funktioniert und wo sich Magie
"versteckt".
Musik:
- Mike Batt: "Tarot Suite", "Arabesque"
oder alle anderen CDs und Platten. Batt verarbeitet in seiner Musik jede Menge Informationen.
- Toto, "Dune" Soundtrack zum Film
der absolute Klassiker, wenn es um Mystik und Traumreisen geht.
- James Horner, "Willow" Soundtrack zum Film
In diesem Soundtrack läßt Horner einen magischen Kampf vom Orchester austragen.
- James Horner, "Thunderheart" Soundtrack zum Film
Ein schamanistischer Trip in die indianischen Geisterwelten.
- Basil Poledouris, "Conan the Barbarian" Soundtrack zum Film
Alles drin: Kraft, Mystik, Gewalt, Liebe und das zu heidenfreundlichen Melodien und Takten.
- Außerdem: Stevie Nicks (alles), Freudiana (Musical), Kodo, The Cross ("The Blue Rock"
Geheimtip!).
Sachbücher (Oh Gott, wo anfangen?):
- Helmut Werner, "Lexikon der Esoterik", fourier
das einzig gute Lexikon.
- William C. Gray, "Magie", Goldmann
moderne Ritualmagie ohne Schnörkel.
- Diverse, "Die Bibel"
weils das Buch ist, das den meisten Einfluß auf unsere Kultur hatte.
- Josef Dvorak, "Satanismus", Eichborn
weniger klassischer Satanismus, aber ein guter Überblick und interessante geschichtliche Hintergründe über die Entstehung der nachtheosophischen Kulte.
- Marija Gimbutas, "Die Sprache der Göttin", 2001
umfassendes Standardwerk zur Matriarchatsforschung.
- Kurt Seligmann, "Weltreich der Magie", Verlag unbekannt.
Romane und anderes:
- John Brunner, "Die Tagung der Magier", Heyne
Cooler Detektiv trifft auf ein ganzes Hotel voller Magier. Kurz und witzig.
- Neil Gayman, "The Books of Magic", DC Comics
ein absoluter magischer Rundumschlag, herrlich gezeichnet: Geschichte, Gegenwart, Anderswelten, Zukunft.
- Patricia McKillip, "Erdzauber" – Trilogie, Goldmann
Führt spannend in die keltische Denkweise in Bezug auf Magie ein, ohne historisch zu sein. Stichworte: "Geschichtenerzählkunst", "Rätselkunst", "Harfenmagie".
Fussnoten:
[1] dreimal gesagt und es wird wahr, einer meiner am häufigsten benutzen magischen Gelegenheitstricks, den ich von Herrn Lewis Carroll gelernt habe (einer der modernen Magier seiner Zeit).
[2] ich weiß, was mancher dazu sagen will, aber das Verhältnis von Regel und Ausnahme ist heute umgekehrt zu dem im Mittelalter.
[3] obwohl, ich kenne eine Person, die mir erklärt hat, daß sie als Fahrradfahrer über jede rote Ampel fährt und den hupenden Autos den Stinkefinger zeigt, sich aber im Auto völlig aufregt und zu hupen beginnt, wenn ein Fahrradfahrer bei rot an ihr vorbeirauscht.
[4] die Asatru haben da ja ihre Erfahrungen mit entsprechenden rechten Auswüchsen...
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